Zeitzeugen aus Schneverdingen berichten

Zeitzeugin W.

Die Zeugin, welche zu jenem Zeitpunkt 11 Jahre alt war, spielte zu dem Zeitpunkt, als der Zug mit KZ-Häftlingen ankam, mit ihren Freunden am Bahnhof. Sie gingen, laut ihrer Aussage, voller Neugier an den Zug heran. Die Häftlinge waren, wie die Zeugin sie beschreibt, in so schlechtem Zustand, dass man nicht mehr unter Mann und Frau unterscheiden konnte. Sie saßen in zum Teil geschlossenen oder halb offenen Güterwaggons und viele hatten auch keine Kleidung an. Häftlinge die versuchten Essen zu erbetteln, wurden sofort daran gehindert und einer sogar vor den Augen der Kinder erschossen. Danach wollten die Soldaten verhindern, dass die Kinder solch ein Szenario nochmal erleben müssen und so schickten die SS-Männer die Kinder unter Drohungen weg.

Zeitzeugin F.

Die Zeitzeugin erzählte, dass sie zum ersten Mal das Wehklagen der Menschen 1945 erlebt hätte. Sie berichtete von einem betrunkenen und weinenden SS-Soldaten, der sich schlecht fühlte, dass es den KZ-Häftlingen so schlecht ging. Aber er hatte auch Angst vor den Strafen, die unweigerlich darauf folgen würden, wenn er sich beschweren würde. Am Anfang gab sie den Soldaten eine große Menge Wurzeln für die Häftlinge und später, mit Hilfe lokaler Firmen und des stellvertretenden Bürgermeisters, sogar Brot und Milch, die er dann zu den Häftlingen schmuggelte. Sie erzählte außerdem, dass der stellvertretende Bürgermeister von damals, sich viel Mühe gegeben hätte, den KZ-Häftlingen zu helfen. Die Zeugin berichtet von einem Trauerzug für die KZ-Toten vom Rathaus zum Friedhof, welcher von der NS-Frauenschaft geleitet wurde.

Zeitzeuge N.

Der Zeuge war ein 18-Jähriger Frontsoldat, der nach einer Verletzung für 10 bis 14 Tagen zu Hause in Schneverdingen bleiben sollte. Er erzählte, dass er einen Stellungsbefehl für den 12. April 1945 hatte und somit schloss er daraus, dass er die KZ-Häftlinge schon vorher gesehen haben musste. Laut seiner Aussage, war es eine Häftlingsgruppe von 5 bis 6 Mann, die in Sträflingskleidung unter Bewachung zur Bäckerei Vorwerk ging, um Brot zu holen. Er sagte auch, dass sie den Plattformwagen von der Reichsbahn für den Transport des Brotes dabei hatten.

Zeitzeuge R.

Der Zeitzeuge war als 15 jähriger Junge 1945 auf dem Bahnhof tätig. An einem Morgen sagte der Stationsvorsteher, dass ein KZ-Zug aus Richtung Hamburg kommen würde. Der Zeitzeuge hat behauptet, bis zu diesem Tag nichts von den KZ-Häftlingen gewusst zu haben. Gegen 9 Uhr kam der Zug mit 3. Klasse Waggons an, wo auf der Plattform schon die ersten Toten lagen und man das Wehklagen und Stöhnen dieser Menschen hören konnte. Der Zeitzeuge sollte wegen der Seuchengefahr den Wasserhahn für die Häftlinge abdrehen.

In den nächsten Tagen kamen laut dem Zeitzeugen immer häufiger Züge. Sie blieben zum Teil 2 Tage auf Gleis 2 stehen, bevor sie weiterfuhren. Der Zustand der Menschen war häufig schlecht, weil sie so geschwächt waren, dass sie nicht einmal mehr laufen konnten. Die Bewacher waren immer unterschiedlich hart zu den Häftlingen, aber um den russischen Kriegsgefangenen eine Vorstellung zu geben, die am Bahnhof Schneverdingen arbeiteten, erschoss die SS ungefähr fünf Menschen auf der Rampe. Das Massengrab der KZ-Toten befand sich direkt gegenüber vom Bahnhof in Schneverdingen. Bei den Toten handelte es sich nicht nur um Tote von einem Zug, sondern sie wurden in den letzten Kriegswochen angesammelt. Als die Engländer einmarschierten, wurde das Massengrab geöffnet und alle Betriebe, die mit Holz arbeiteten, sollten Särge für die Toten herstellen. Der Zeitzeuge selbst war bei der Beerdigung nicht dabei.

Quelle: Stadt Schneverdingen (Hrsg.)  Nur Gott der Herr kennt Ihre Namen,  Schneverdingen 2018, S.62

Mehr Zeitzeugen:

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