23. September 2016
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Junge Flüchtlinge erleben in KZ-Gedenkstätte ein anderes Deutschland als das heutige

 

Von PHILIPP HOFMANN

Neuengamme/Schneverdingen.

Arabische Wortfetzen durchziehen die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dazwischen ist immer wieder der Name Hitler heraus- zuhören. „Hitler war nicht gut“, sagt Mahmoud auf Deutsch. Ali ergänzt: „Hitler macht alle tot.“ Mahmoud kommt aus Syrien, Ali aus dem Irak, beide sind 14 Jahre alt und mit ihren Familien vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat geflüchtet. „In meinem Land machen sie alle tot“, sagt Ali. „Deutschland ist gut.“ An diesem Donnerstagmorgen erfährt er, dass das nicht immer so war.

Zum zweiten Mal nach 2014 lässt die Kooperative Gesamtschule (KGS) Schneverdingen dieser Tage alle Siebt- und Achtklässler in die Gedenkstätte fahren, zum ersten Mal ist eine Gruppe von Flüchtlingen dabei. Auf dem Hinweg im Bus hören die acht Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak Musik aus dem Smartphone, zeigen einander Videos, machen Spiele. Auf dem Rückweg zücken sie ebenfalls ihre Mobiltelefone. Doch etwas ist anders.

Rasha zeigt ein Foto von dem Haus, in dem sie und ihre Familie im syrischen Homs lebten. Ein schönes Haus, reichhaltig ver- ziert. Dann befördert Rasha ein anderes Foto auf den Bildschirm. Es zeigt das gleiche Haus, doch jetzt liegt es in Trümmern. Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte hat die Jugendliche an ihr Zuhause erinnert. „Viele Menschen sind tot“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ich wünsche mir, dass Syrien so wird wie Deutschland heute.“

Die Fragen sprudeln nur so aus den Jugendlichen heraus

Drei Stunden früher, zu Beginn des Besuchs in der Gedenkstätte, haben die Geflüchteten noch ein bisschen Angst. Ob sie Knochen, Schädel, Skelette zu sehen bekämen, fragen sie ihren Führer Mahran Saeed auf Arabisch. Als er verneint, hellen sich die Mienen auf. Die Fragen an Mahran, ebenfalls ein Geflüchteter aus Syrien, sprudeln nur so aus den Jugendlichen heraus.

Sehr zur Freude von Lehrerin Sibylle Singer. „Das ist so gut“, sagt sie. „Das alles könnten wir nicht beantworten.“ Sie und die anderen Betreuer der Sprachlernklasse an der KGS haben die Schüler zwar auf den Besuch in Neuengamme vorbereitet, doch dabei haben jene laut Singer „nur einen Hauch“ dessen verstanden, was sie nun von Mahran erfahren.

Der 25-Jährige aus Hamburg führt zum ersten Mal eine Gruppe durch die Gedenkstätte. Bei Rundgängen mit der Leiterin Dr. Iris Groschek und mit jeder Menge Lektüre hat er sich darauf vorbereitet. Mahran hat in Damaskus Archäologie studiert. Als er nach dem Studium in den Militärdienst eingezogen werden sollte, flüchtete er. Mahran gehört der Religionsgemeinscha der Drusen an. „Muslime, Christen, Drusen – früher haben wir alle friedlich in Syrien zusammengelebt“, erzählt er. „Dann kam der Islamische Staat. Er will uns töten, weil wir keine Muslime sind.“

Als einzige in der Gruppe spricht Morsal nur wenig Arabisch. Sie stammt aus Afghanistan, ihre Muttersprache ist Farsi. Ihre Freundin Haistan, eine Kurdin aus Syrien, übersetzt Mahrans arabische Worte für Morsal auf Kurdisch. Das versteht die Af- ghanin besser. Ab und zu klingt ein deutsches Wort durch: „Appellplatz“, „Arbeit“, „Baracke“.

In einem Raum, in dem es um jüdische Kinder in Neuengamme geht, sieht sich Helin eine Liste an. Die Namen von Kindern und Jugendlichen stehen darauf und das Alter. Viele waren zehn, elf, zwölf Jahre alt, manche auch 14, so alt wie die Syrerin. Helin möchte wissen, was mit ihren Altersgenossen geschehen ist. Mahran weicht aus, meidet die ganze Wahrheit. „Das wäre zu schockierend“, sagt er. Die ganze Wahrheit, das sind die medizinischen Experimente, die die SS mit den Kindern anstellte. Um das zu verbergen, ermordete sie die Kinder – drei Wochen vor Kriegsende.

Wie Hitler so stark habe werden können, wollen die Jugendlichen von Mahran wissen. Dem fallen Vergleiche aus dem arabischen Raum ein, Gadda etwa. Doch den Namen des früheren libyschen Staatschefs kennen die Schüler nicht. Und die Regierungschefs in ihren Heimatländern möchte der Syrer nicht heranziehen. Er befürchtet, die Jugendlichen zu überfordern. „Alles gut, alles okay?“, fragt er sie immer wieder.

An der KGS hat es Diskussionen gegeben, ob es gut wäre, teilweise traumatisierte Kinder mit einem ehemaligen Konzen- trationslager zu konfrontieren. Doch nach Rücksprache mit der Gedenkstätte schlug die Schule guten Gewissens diesen Weg ein, berichtet Lehrer Thomas Sandkühler. Seine Kollegin Sibylle Singer traf sich vorab mit Mahran Saeed, um den Ablauf der Füh- rung zu besprechen.

Der Holocaust, die systematische Ermordung der Juden, bleibt an diesem Tag außen vor. Spätestens in der 9. Klasse werden die Geflüchteten davon erfahren. Dann steht im Fach Geschichte der Nationalsozialismus auf dem Plan.

 

QUELLE: Böhme-Zeitung vom 23.09.2016

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